Geologie & Geschichte
Das Erdbeben von Casamicciola am 28. Juli 1883
Das Erdbeben von 1883 war trotz seiner begrenzten Magnitude eine der verheerendsten Naturkatastrophen der Insel. Seine Erklärung führt direkt in die besondere Geodynamik Ischias: einen wiederaufgestiegenen Calderablock, sehr flache Bruchsysteme und ein bis heute aktives vulkanisch-hydrothermales System.
Was geschah am Abend des 28. Juli 1883?
Die Hauptschock ereignete sich gegen 20:25 Uhr. Historische und moderne INGV-Kataloge zeigen eine extrem kleine, aber sehr stark betroffene Zone im Norden und Nordwesten Ischias. Casamicciola wurde am schwersten getroffen, auch Lacco Ameno und Forio erlitten schwere Schäden. Mehr als 2.000 Menschen kamen ums Leben; je nach historischer Auswertung werden über 2.300 Opfer genannt.
Magnitude und Intensität sind nicht dasselbe
Für ein Beben des 19. Jahrhunderts existiert keine moderne instrumentelle Magnitudenmessung. Heute werden Magnituden aus historischen Schadens- und Wahrnehmungsdaten rekonstruiert; die Schätzungen liegen ungefähr im Bereich eines moderaten Bebens. Die makroseismische Intensität war lokal dennoch katastrophal. Intensität beschreibt die Wirkung an einem Ort – und diese Wirkung war wegen der sehr flachen Quelle und der hohen Verwundbarkeit vieler Gebäude außergewöhnlich groß.
Die seismische Zone am Nordrand des Epomeo-Blocks
Der Monte Epomeo ist der gehobene Block einer wiederaufgestiegenen Caldera. An seinem nördlichen Rand, im Raum Casamicciola, konzentrieren sich Störungen, die bei der Hebung des Blocks entstanden oder reaktiviert wurden. Historische Beben von 1762, 1796, 1828, 1881 und 1883 sowie das Ereignis von 2017 zeigen immer wieder eine ähnliche, eng begrenzte seismische Zone.
Warum die Erdbeben so flach sind
Instrumentelle Untersuchungen des Bebens von 2017 und die Auswertung historischer Ereignisse zeigen, dass die für Casamicciola typischen Beben in sehr geringer Tiefe stattfinden können – oft im oberen Bereich der Erdkruste unter der Insel. Eine flache Quelle lässt die Erschütterung auf kleinem Raum besonders stark werden, während die Wirkung schon in relativ kurzer Entfernung deutlich abnimmt.
Was heutige Modelle über den Mechanismus sagen
Ischia wurde in der geologischen Vergangenheit stark angehoben. Heute zeigt die Insel dagegen eine langsame Absenkung. Ein modernes Modell verbindet diese Subsidenz mit dem langfristigen Abkühlen und Entgasen eines magmatischen Körpers. Dadurch können Störungen am Rand des ehemals angehobenen Blocks erneut aktiviert werden. Das bedeutet: Die Erdbeben von Casamicciola werden als vulkanotektonische Bruchereignisse verstanden – als Bewegung an Störungen in einem vulkanischen System – und nicht als direkte Folge einer unmittelbar bevorstehenden Eruption.
Die Bedeutung des Bebens von 2017 für das Verständnis von 1883
Das Ereignis vom 21. August 2017 war deutlich schwächer, konnte aber mit modernen Instrumenten untersucht werden. Oberflächenbrüche, seismologische Messungen und Satellitendaten zeigten eine flache Abschiebungsbewegung im Raum Casamicciola. Weil Lage und Kinematik gut zu den historischen Schadenszonen passen, liefert 2017 einen wichtigen Schlüssel, um auch die Beben von 1881 und 1883 geologisch besser zu verstehen.
Warum waren die Schäden 1883 so groß?
Mehrere Faktoren wirkten zusammen: die sehr geringe Herdtiefe, die Nähe der Bebauung zur aktiven Störungszone, lokale Untergrundbedingungen und vor allem die hohe Verletzlichkeit damaliger Gebäude. Giuseppe Mercalli wies bereits nach dem Erdbeben auf die schlechte Qualität vieler Mauern und Mörtel hin. Das historische Beispiel zeigt, warum Gefährdung und Risiko nicht dasselbe sind: Aus einem moderaten Beben kann in einem verwundbaren Siedlungsraum eine Katastrophe entstehen.
Folgen für die italienische Seismologie
Die Beben von 1881 und 1883 führten zu einer intensiven wissenschaftlichen Auseinandersetzung und beschleunigten den Aufbau geodynamischer Beobachtungsstationen. In Casamicciola entstand das Observatorium der Grande Sentinella, das eng mit Giulio Grablovitz verbunden ist.
Die Landschaft hilft beim Verstehen
Wer Casamicciola geologisch betrachtet, kann mehrere Teile desselben Systems miteinander verbinden: die Störungszone am Nordrand des Epomeo, die Thermalquellen von Piazza Bagni und Gurgitello sowie den jungen Rotaro-Komplex mit seinen Fumarolen. Diese Phänomene haben unterschiedliche unmittelbare Ursachen, gehören aber alle zur geodynamisch aktiven Vulkaninsel Ischia.